Zeugnis der Geschichte

Es gibt Städte, die in ihrer geschichtlichen Wertschätzung einen besonderen Rang einnehmen. Zu ihnen gehört auch Danzig, das alte Danzig mit seinem altertümlichen Kern. Oberhalb der Weichselmündung an der Ostsee gelegen entwickelte sich die Stadt im Mittelalter zu einer bedeutenden Handelsmetropole. Die Weltoffenheit ihres Patriziats und die schöpferische Kraft ihrer Bürger befruchtete das Geistesleben anderer Völker und zog ebenso europäische Künstler, Baumeister, Wissenschaftler, Dichter und Denker in ihren Bann. Der Jahrhunderte lange Wohlstand der Einwohner führte zu einem städtebaulichen Bild, das seine ganz besonderen Eigenschaften und speziellen Reize hat. Es trotzte allen Schicksalsschlägen, keine noch so große Zerstörung konnte dem Glanz und der Ausstrahlung etwas anhaben, stets erhob sich die Stadt wieder wie ein Phönix aus der Asche.

Auch das bisher größte Unglück in ihrer Geschichte, die fast restliche Zerstörung der historischen Innenstadt am Ende des Zweiten Weltkriegs, hat sie überstanden, weil die Bemühungen der polnischen „Denkmalpflege zur Rettung und Bewahrung von Kulturgütern“ dazu führten, Danzig in die Kategorie der „Denkmäler der Geschichte von höchstem künstlerischen, geschichtlichen oder wissenschaftlichen Wert von Weltgeltung“ einzustufen. Das war allerdings nicht so selbstverständlich. Anfangs schlug man beispielsweise vor, die Ruinen als Mahnmal eines barbarischen Krieges zu belassen oder eine neue, dem Hafen näher liegenden Stadt aufzubauen. Eine nicht unbedeutende Rolle spielte auch die Überlegung, dass Danzig nunmehr polnisch sei und dies im Stadtbild zum Ausdruck kommen müsse. Schließlich siegte die Erkenntnis, dass ein in Jahrhunderten gewachsenes Gemeinwesen wie die Innenstadt von Danzig nicht nur einen hohen Kulturwert hat, sondern auch eine architektonische und verkehrstechnische Grundsubstanz, bei der sich eine Restaurierung der Ruinenreste und eine Wiederherstellung baulicher und künstlerischer Elemente lohnt. Allerdings ließ sich durch die Kriegsverluste und wegen des baulichen-, verkehrstechnischen- und hygienischen Fortschritts kein kongruenter Zustand zu früher erreichen.

Die Bürger Danzigs fühlten sich stets ihrer Stadt verbunden. Sie waren und sind - und sagen es - bis zum heutigen Tage in erster Linie „Danziger“. Neben einer Siedlung slawischen Ursprungs im 7./9. Jahrhundert mit dem Namen „Gyddanyze“ hatte der pommerellische Herzog Swantopolk um 1225 deutschen Siedlern das Recht zur Lokation einer deutschrechtlichen Stadt verliehen. Den  überwiegend aus Lübeck stammenden Bewohnern folgten dann später Zuwanderer unterschiedlicher Völkerschaften als Seefahrer, Kaufleute, Baumeister, Kunsthandwerker, Künstler und dergleichen. Ihnen verdankt die historische Innenstadt, die „Rechtstadt“, ihre urbane Entwicklung auch in den abwechselnden politischen Perioden unter dem Deutschen Orden, der polnischen Oberhoheit, der preußischen Verwaltung und der Eingliederung in das Deutsche Reich.

Die Bildung des Kleinstaates „Freie Stadt Danzig“ unter dem Schutz des Völkerbundes 1920 schuf eine neue Situation. Am Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 musste die deutsche Bevölkerung, deren Anteil bis dahin rund 96% betrug, flüchten oder nach der Besetzung ihrer Heimatstadt durch die Russen und Polen diese bis auf wenige, die dort verblieben, zwangsweise verlassen. In alle Winde wurden die deutschen Danziger zerstreut. Der unmenschliche Krieg hatte viel Leid verursacht. Andere Völker haben ebenso darunter gelitten, besonders auch die Polen, die nun die neue Bürgerschaft Danzigs stellen.

Bei allem Verständnis für das Leid anderer Menschen muss man den deutschen Danzigern, die ihr angestammtes Heimatgebiet aufgeben mussten, zugute halten, dass sie ihr historisches Erbe wie auch die persönlichen Erlebnisse der Nachwelt bewahren möchten. Gerade bei der sehr wechselhaften Historie Danzigs erscheint es angebracht dafür zu sorgen, dass nicht allein nur die wiedererstandene Stadt an alter Stelle ein Abbild der Geschichte darstellt, sondern auch in der neuen Heimat authentische Zeugnisse der Vergangenheit und Gegenwart vorhanden sind.

Bei den Wirren des Kriegsendes hatten die deutschen Heimatvertriebenen in den meisten Fällen Hab und Gut total verloren. Um so wichtiger schien es, gerettete dokumentarische Unterlagen und Kulturgüter als Beweisstücke der deutschen Vergangenheit und Kultur des Heimatgebietes zu erhalten und zu bewahren. Es entstanden eine stattliche Anzahl von ostdeutschen regionalen Heimatsammlungen und landesweiten Museen verschiedener Größenordnung. 

Im Jahr 1979 wurde in Lübeck der „Danziger Förderkreis e.V.“ als unabhängige gemeinnützige Vereinigung aller Danziger und Freunde der Hansestadt Danzig ins Leben gerufen. Oberstes Ziel war, eine Einrichtung zu schaffen, in der möglichst viel des geschichtlichen und kulturellen Erbes des Heimatgebietes sichergestellt, ausgewertet und der Öffentlichkeit sichtbar gemacht werden könnte. Mit Hilfe des Sanierungsprogramms, das die Bundesrepublik Deutschland gemeinsam mit der jeweiligen Landesregierung und der betreffenden Stadtverwaltung in insgesamt nur drei Städten auflegte, um die Restaurierung zerstörter Altstadtteile zu fördern, sowie der Opferbereitschaft der deutschen Danziger und ihrer Freunde in aller Welt konnte ein über 700 Jahre altes Bürgerhaus, dessen Außenmauern unter Denkmalschutz stehen, erworben und in den Jahren 1981/82 umgebaut und restauriert werden.

Das Gebäude erhielt den Namen „HAUS HANSESTADT DANZIG“. In den unteren Stockwerken wurde ein „Museum“ eingerichtet, in dem man nun das Schicksal der deutschen Danziger und ihrer Heimatstadt allen sichtbar dokumentieren kann. Die Inneneinrichtung ist der Gestaltung eines alten Danziger Bürgerhauses nachempfunden. Im Mittelpunkt steht die Öffentlichkeitsarbeit genau so wie die Entwicklung und Ausdehnung der Tätigkeit im Museumsbereich mit den heutigen technischen Möglichkeiten. Viele wissenschaftliche Dokumente, Kunstgegenstände, Kulturgüter, Erinnerungsstücke, Kirchenglocken aus der Heimat und andere wertvolle Exponate sowie ständige Leihgaben besitzt das Museum. Und es kommen immer neue hinzu. So ist es nicht verwunderlich, dass das Haus bereits in das Besichtigungsprogramm der Hansestadt Lübeck aufgenommen worden ist.

Eigentümer und Träger des „HAUS HANSESTADT DANZIG“ ist der „Danziger Förderkreis e.V.“. Heute nimmt die Anzahl derjenigen Menschen ab, die Augenzeugen der Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs gewesen sind. Um die Beweiskraft einer derartigen Einrichtung für die Zukunft abzusichern, haben die Mitglieder des Förderkreises deshalb die Errichtung einer Stiftung beschlossen.

Werner Hewelt

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